KLIM Adventure Rallye

Das Angebot kam unerwartet: 1 Anzug KLIM Adventure Rallye für 4 Wochen zu Testzwecken.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Jeder Endurero hat den Anzug bereits einmal gesehen, meist jedoch nur in virtueller Form. Nur gerade 50 Anzüge schafften es über den grossen Teich nach Europa. Einen davon sollten wir also testen.

Fast schon ehrfürchtig öffne ich das Paket von KLIM denn ich weiss nicht nur was sich im innern verbirgt, ich kenne auch dessen Preis. Und der ist hoch, verdammt hoch sogar.  Genau dieser Anzug wurde in der letzten Zeit von verschiedenen Zeitschriften (ua. Tourenfahrer und Motorrad-Abenteuer) getestet und ist von den Redakteuren fast immer durchzogen kommentiert worden. Somit war ich auf das erste Zusammentreffen sehr gespannt.

Der erste Eindruck: das Ding fühlt sich Bleischwer und steif an. Als erstes wurden die verwendeten Materialien und deren Verarbeitung begutachtet. Der Adventure Rallye soll nicht nur wasserdicht, sondern auch Atmungsaktiv sein und besteht aus einem 3-lagigen Laminat von Gore-Tex.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Die Verarbeitung erscheint auf den ersten Blick nicht nur meinem, zugegeben mit Nähtechnisch leicht eingeschränktem Wissenstand, sondern hält auch dem kritischen Blick der Profi Schneiderin, welcher ich das Teil zur Begutachtung vorgelegt hatte, stand. Mit leichtem Schürzen der Lippen brachte Sie ein „saubere Arbeit“ hervor. Zudem erfuhr ich da, dass es gar nicht so einfach sei, verschiedene Stoffe und Materialien zusammen zu vernähen. Ich weiss nun auch, wo genau die KLIM-Hosen 3-fach vernäht sind und wie das auszusehen hat. Yeaps! Eine Kontrolle an meinem aktuellen Enduroanzug brachte sofort zu Tage, dass dieser an selbigen Stellen nur einfach vernäht ist. Sauerei, so was!

Als zweites wollte ich natürlich prüfen, wie es sich in diesem von den anderen Tester kritisierten „steifen“ Anzug denn so fühlt.  Also Protektoren montiert und rein in die gute Stube. Bereits beim Anziehen bemerkt: ja ….. flauschig, weich ist anders!

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Die Hose (Gr. 34) und Jacke (Gr. L) passten beide fast wie auf Mass geschneidert. Die Jacke, an den Ärmel einen Tick zu lang, die Hosen wie Jeans. Summasummarum ergab dies jedoch in Sitzposition auf dem Bike ein reziprokes Resultat: Jacke in Fahrposition perfekt, Hose einen Tick zu kurz. Da es sich bei den Adventure Rallye Hosen jedoch um ein „out Boot“ Modell handelt, ist dies nicht so schlimm. Ich persönlich mags einfach nicht so, wenn sich die Hose in Fahrposition Richtung „Mitte Stiefel“ verabschiedet. Dafür hat das Ding einen eingebauten Camelbak! :-)

Der Anzug an und für sich fühlt sich in der Tat steif an. Man bemerkt immer und immer wieder, dass es sich da halt um hochwertige, abriebfeste Textilien handelt.

Dann kam das „pièce de résitence“, der Test im Fahrbetrieb.  Dass man in diesem Anzug wie eine Mischung aus Alien, Gaston Rahier und Indiana Jones aussieht wusste ich ja bereits, denn ich hatte vorher in den Spiegel gekuckt. Dass dies von der allgemeinen Umgebung auch so wahrgenommen wurde, überraschte mich dann doch allerdings. Bereits beim ersten Tankstopp wurde mir unwillkürlich von einem Passanten die Frage gestellt „Na? Wo geht’s denn hin? Kirghistan? Seiden-Strasse? Oder doch Marokko?“ Meine Antwort „Nein – Nach Brütisellen-Ost“ hat da wohl für ein Stirnrunzeln gesorgt.

Getestet habe ich den Anzug, im Fahrbetrieb, bei verschiedensten Temperaturen und Feuchtegehalten der Umgebung. Ganz der grosse Held, der ich nun mal sehr wahrscheinlich bin, habe ich immer das gleiche unter den Anzug angezogen. Lange Funktionshosen, ein langärmliges Funktionsshirt, das Protektorenhemd, Knie- und Hüftprotektoren.  Das erstaunliche daran: egal ob ich bei feuchten 12° oder warmen 32° unterwegs war, mein Körper fühlte sich immer gleich an. Nie kalt, nie heiss. Es war fortwährend einfach ein Gefühl der Wärme. Zeichen für mich, dass der Energiehaushalt im Anzug bestens unter Kontrolle ist.

Klar verglich ich das Resultat fortwährend mit meinem (auch teuren) Enduro-Anzug bayrischer Provenienz. Während ich mit meinem Anzug stetig immer damit beschäftigt bin, irgendwelche Belüftungsöffnungen zu schliessen / öffnen oder schlimmer noch eine Schicht an meinem Körper auszuziehen, überzeugt der KLIM Adventure Rallye in dieser Hinsicht. Erst ab 30° habe ich zum ersten Male einen der Belüftungsreissverslüsse öffnen müssen.  Dh geöffnet habe ich dummerweise gleich mehrere, nämlich die an der Jacke und Hose. Meine Güte: ich hätte nie gedacht, dass man bei 30° Aussentemperatur erfrieren könnte, aber das Belüftungssystem der KLIM Hose schafft dies wohl locker. Also habe ich schnellstens eine dieser Öffnungen wieder verschlossen.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Die Belüftungsöffnungen, wie die Taschen übrigens auch, sind mit diesem neuartigen System von Goretex ausgerüstet. Garantiert wasserdicht und einfach in der Handhabung. Endlich einmal Reissverschlüse, welche sich auch einhändig während dem Fahren bedienen lassen.....ohne Klemmer. Wenn Ihr wisst, was ich meine!

 

 



- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Auch toll: das integrierte Trägersystem. Auch wenn die Packtaschen am Rücken der Jacke nicht beladen sind, das System vermittelt einem ein Gefühl von Geborgenheit. Im KLIM Adventure Rallye kam ich mir fortwährend vor, als wäre ich in einem Cocoon unterwegs. Wohl behütet, bestens gesichert und belüftet, mir kann nichts passieren.

Die Steifheit des Anzuges, die stört nach nur wenigen Meter Fahrt nicht mehr wirklich.  Da ein Endurero eh immer mit Protektorenhemd, -shorts und Knieschoner unterwegs ist, ist dies auch wirklich kein Killerargument. Endurogemäss ausgerüstet bemerkt man den Adventure Rallye nicht wirklich. Dies war wohl auch das Problem bei den Test’s. Die Herren Redakteure sind da wohl ohne zusätzliche Protektoren unterwegs gewesen.

Dann der Regentest.

Es war wohl das erste Mal, dass ich die Regenradar App auf meinem iPhone umgekehrt verwendet habe. Ich will jetzt Regen, wo regnets? Der Tag war schlecht gewählt: Trotz miesem Wetter war nirgends ein Platzregen auszumachen. Testen durfte ich an diesem Tag jedoch das Verhalten des KLIM Adventure Rallye’s in einem dieser fiesen Nieselregen. Ihr kennt den sicher: zu wenig Regen um anzuhalten und das Regenzeugs zu montieren, zuviel Regen um trocken zu bleiben.  Diese Situation hat der Anzug mal locker weggesteckt. Auch nach einer über 140km Niesel-Regenfahrt bildeten sich auf der Oberfläche des Anzuges diese berühmten Tropfen welche dir beweisen, dass der Stoff dichtgehalten hat. Meine Erwartungen wären somit schon mehr als nur erfüllt. In meinem Stamm-Anzug wäre ich längstens Nass und voll gesogen mit Feuchtigkeit. 

Aber ich wollte mehr. Ich wollte auch in einen dieser berüchtigten Platzregen gelangen. Einem Wolkenguss, welcher dich normalerweise innerhalb Sekunden bis auf die Knochen nass macht. Geschafft habe ich dies unverhofft und ungeplant, auf der Heimfahrt des Ironmans in Rapperswil. Einem herrlichen Sonntag mit Temperaturen von über 32°. Da ich nach 2 anstrengenden Tagen als Spitzenbegleiter des ironmans müde war, erfolgte die Heimfahrt nach Bern unüblicherweise auf der Bahn. Obwohl mein iPhone mir fortwährend mitteilte, dass kein Regen im Anzug war, kam sie: Eine dieser ungewöhnlichen Gewitterfronten. Du siehst sie, du bemerkst sie aber du kannst nichts dagegen tun…….und plötzlich befindest du dich unter der Dusche. Es war eines dieser Jahrhundertgewitter, welches im Oberaargau und Emmental immense Schäden hinterlassen hatte ……. und ich mittendrin.

Die Geschwindigkeit auf der Bahn reduzierte sich im nu auf unter 40 km/h (habe bis heute nie begriffen, weshalb die Dosenfahrer so langsam unterwegs sind bei Regen), sämtlicher Platz unter sämtlichen Autobahnbrücken war bereits von sämtlichen Motorradfahrer besetzt.  Alle hielten sie an um sich vor dem Regen zu schützen. Alle? Nein ….. einer hatte einen KLIM Anzug und fuhr, unter anerkennendem Nicken der sich am Strassenrand befindlichen anderen Biker, weiter. Ja genau. Jetzt oder nie kann ich dieses Ding auf seine Wasserdichtheit prüfen.

Abgebrochen habe ich diesen Versuch dann allerdings doch noch. Nach weiteren 20 km musste ich notfallmässig eine Autobahnraststätte anfahren. Meine Stiefel waren voll Wasser, die Handschuhe sowieso und sogar der Helm begann Wasser aufzusaugen. Zeit also, das Experiment abzubrechen. Der Anzug? Der hat gehalten. Kein Tropfen Wasser ist eingedrungen. Dicht – zu- Punkt-Schluss. Erstaunlich.

Es war dieser Zeitpunkt, wo ich den KLIM Adventure Rallye definitiv in mein Herzen geschlossen habe. Als passionierter Segler bin ich mit dem Element Wasser seit Kindheit betraut. Ich war, noch bevor ich mit Laufen begonnen hatte, bereits auf dem Wasser unterwegs und mit den Launen der Natur somit bestens vertraut. Auch wusste ich aus meiner aktiven Seglerzeit, dass es zwar „Trockenanzüge“ gibt (und ich auch so einen in meinem Besitz hatte), die aber alles andere als atmungsaktiv sind. Erscheint ja auch logisch: der beste Schutz gegen Nässe ist immer noch ein Plasticksack, der macht dich schliesslich nur von innen nass.

Genau aus diesem Grund muss ich auch immer schmunzeln, wenn ein neuer Hersteller einen „Wasserdichten-Anzug“ auf den Markt wirft. Ja macht nur mal  Jungs……entweder erstickts du in diesem Anzug nach nur wenigen Meter oder das Ding lässt Wasser durch, früher oder später. Alles andere kann ich aus Erfahrung nicht ernst nehmen und gehört in die Vodoo-Ecke. Auch der KLIM, da bin ich mir sicher, irgendwann wird auch der ein bisschen Feuchtigkeit reinlassen.  Aber wenn dieses „irgendwann“ bedeutet, dass ich 140 km im Nieselregen fahren kann ohne nass zu werden, dass ich 30 km im Platzregen unterwegs sein kann ohne Einschränkungen, dann hat der Anzug meine Forderungen mehr als nur erfüllt. Damit klar ist: mein normales (auch teures) Regenzeugs hält den Regen nicht auch nur annähernd so vom Körper fern wie der KLIM. Respekt.

Aber wie schaffen die Amis dies? Einen dichten Anzug zu entwerfen, welcher man auch bei über 30° problemlos verwenden kann und nie das Gefühl hat, sich in einer hermetisch dichten Umgebung zu befinden?  Ich weiss es nicht. Liegt wohl an diesen 3-Lagen. Die lassen irgendwie Feuchtigkeit raus, aber nicht rein. Ist mir ein Rätsel wie dies funktionieren kann, aber es funktioniert.

Bleibt da dann nur noch ein Problem: der Preis. Mit CHF 2'600.00 für den kompletten Anzug hat KLIM eine eigene Kategorie eröffnet. Es gibt nix teureres auf dem Markt.  Für dieses Geld kann ich mir 1,5 BMW Rallye Anzüge kaufen, oder 10 Anzüge aus dem Billig-Markt. Was macht also den Preisunterschied aus und ist der KLIM Adventure diesen Preis wert?

Bevor ich mit der Testreihe begonnen habe, war ich skeptisch. Für dieses Geld musst du einen Atom-Anzug erhalten, dachte ich mir. Je länger ich den KLIM Adventure Rallye testen durfte desto klarer wurde, dass er sein Geld wert ist. Es ist nicht ein Anzug, welchen man sich „so auf die schnelle“ kauft. Er ist so ein bisschen wie meine Lady Lime (R1150GS – ReVamp). Die wurde schliesslich auch für die Unendlichkeit aufgebaut und wird dereinst mit mir zusammen die aktive Motorradkarriere beenden ….. in 30 Jahren oder so. Genau in diese Kategorie gehört dieser Anzug. Du kaufst den einmal und hast dann zig Jahre Ruhe und einen treuen Begleiter auf deinen Touren mehr.

Kritik? Natürlich gibt es Kritik. Es gibt immer Kritik. Immer und fortwährend kann man ein Produkt noch besser gestalten. Frage ist einfach, wie fundiert diese Kritik denn auch sein mag. In 95% meiner Anforderungen erfüllt der KLIM meine Bedürfnisse (oder übertrifft sie sogar) und die restlichen 5% wären einfach ein „nice-to-have“. Die Sache mit den zu kurzen Hosen habe ich schon erwähnt, auch wenn es sich hier nicht um funktionelle Kritik handelt. Wünschenswert wären von meiner Seite her auch noch eine oder zwei Ärmeltaschen mit Sichtfenster. 

KLIM ist ein kleiner Hersteller, ein sehr kleiner sogar. Um nicht zu sagen „winzig“ klein. Zumindest im Gegensatz zu den herkömmlich bekannten Hersteller. Was will also KLIM mit diesem Anzug erreichen? Das grosse Geld machen? Sicher nicht.  Ich bin heute überzeugt, dass der Preis dieses Anzuges um ein vielfaches höher wäre, würde er von einem der "renommierten" Hersteller produziert. Der, zugegeben hohe, Preis des Anzuges rührt nur von einem her: hier wurde das beste vom besten verbaut. Weder mit den Werten in Wasserdichtheit, noch Atmungsaktivität oder Abriebswerte können die anderen Hersteller auch nur annähernd mithalten. Bereits die Abriebswerte (Matchentscheidend bei einem Ableger auf der Strasse) von meinem auch teuren Rallye2 zum KLIM …… das sind Weltreisen. So gesehen relativiert sich der Preis sehr schnell. Ein verschrammter Anzug kann ersetzt werden, Knochen und Haut jedoch nicht so schnell und vor allem kosten- und schmerzintensiver.

Für welche Zielgruppe wurde also dieser Anzug entworfen? Ganz klar: professionelle Rallye-Piloten, Globetrotter und Weltenbummler. All jene also, welche sich nicht noch um so nebensächliche Sachen wie „schlechte Bekleidung“ kümmern mögen. Einmal gekauft und gut ist.

Würde ich persönlich diesen Anzug kaufen? Einfach so, für den Alltagsgebrauch, da müsste ich den Joker ziehen. Das Herz sagt ja, der Bauch (oder eher das Portemonnaie) nein. Würde ich allerdings demnächst auf grössere Reise gehen, so müsste ich keine Sekunde überlegen: JA.

Genau für diese Zielgruppe ist der KLIM Adventure Rallye auch entworfen worden. Für all die Globetrotter und Endureros, welche ihre Bikes und sonstige Ausrüstung auch Artgerecht halten. Der KLIM Adventure Rallye fühlt sich in Kirghistan auch sicher einiges wohler als in Brütisellen-Ost. Den da gehört er hin: ans Lagerfeuer in der hinteren Cholchose in Kirghistan.

Wer den entsprechenden Geldbeutel hat, oder sonst seinem Körper etwas gutes tun will, dem kann ich den KLIM Adventure Rallye aber auch so bedenkenlos empfehlen, auch wenn’s nur nach Brüttisellen- Ost gehen sollte

 

 

Anzug KLIM-Adventure Rallye
 
Hersteller KLIM www.klimusa.com
Bezug für CH-D-A MacMeier http://www.macmeierdistribution.com/
     
Allgemein    
Gore-Tex® Pro Shell - 3 lagig  
Wasserabweisend Ja  
Hauptmaterial Invista Cordura®  
     
Protektoren    
Protektoren JA - D30  
Protektoren-Taschen Ja  
     
Belüftung    
Belüftung Jacke RV Unterarm und Rücken  
Belüftung Hose RV Bein vorne u. hinten
 
     
Taschen    
Jacke Seite 2  
Jacke Arm Nein  
Jacke Brust 2  
Jacke Rücken 4  
Camelback  Ja  
     
Hose Seite 2  
Hose Bein Nein  
     
Boot-Style Out-Boot  
     
Bewertung  ●●●●●◌◌◌◌◌ = Durchschnitt  
Preis/Leistung ●●●●●●●◌◌◌  Gut
Wasser ●●●●●●●●◌◌  Gut - Sehr gut
Hitze ●●●●●◌◌◌  Durchschnittlich
Wind ●●●●●●●◌◌◌  Gut
Tragkomfort ●●●●●●●◌◌◌  Gut
Schutz Strasse ●●●●●●●●◌◌  Gut - Sehr gut
Schutz Gelände ●●●●●●●◌◌◌  Gut

 

MoT-Fazit: Der Adventure-Rallye, ein MUST für den Weltenbummler. Dieser Anzug darf auf keiner grossen Reise fehlen. Mit ihm kauft man ein "Rundum-Sorglos-Paket". Für die Week-End Tour oder kleinere Ferienreisen natürlich ebenso zu empfehlen. Auch auf die Gefahr hin, dass man ein bisschen "Overdressed" ist.

 

Dieser Test wurde durchgeführt von MoT2. Fragen und nähere Auskünfte werden auf Nachfrage gerne erteilt.