TRANS-LiGURiA 2008

TransLiguria, 22. – 25.08.2008   von Sonja   (den Trailer zu diesem Bericht gibts in unserer Filmgalerie)


… und wie weiss mein Motorrad, wo der Weg durchgeht und wann er zu Ende ist?*

Anfahrt, Freitag 22.08.2008

So, nun geht sie also los, die von Meke und mir lange erwartete Tour. Es ist Freitag, 22.08.08, ungefähr 07.45 Uhr. Um acht Uhr solls von mir zuhause Richtung Autobahnraststätte La Gruyère gehen, ich liege gut drin mit meiner Packerei. Meke hat schon mal die beiden KTMs aus der Garage geholt und ist fleissig am Ankicken seiner Maschine. Ich vertraue auf meinen Mädchenknopf, obwohl die Batterie in letzter Zeit immer mal wieder Schwierigkeiten macht. Würde mir dann ja auch noch das Kicken bleiben, ich hoffe aber, dass ich das während der Tour nicht brauchen werde. Meke kommt ins Schwitzen, seine Kati bockt… äh Pardon, zickt. Irgendwann läuft sie dann doch, ich bleibe schön brav daneben stehen und halte sie mit dosierten Gasstössen am Leben. Derweil zieht Meke Jacke, Helm, Handschuhe an. Alles montiert? Toll, ich überlasse Meke seine Maschine und will mich auch noch fertig anziehen. Meke nimmt die Kati vom Ständer und… nix. Motor ausgegangen! So ein Sch… Naja, lange Rede, kurzer Sinn, die Szenerie mit an-/ausziehen, Motorrad zum Laufen bringen, draufsetzen, Motor abwürgen usw.usf. zieht sich bis ungefähr 8.15 Uhr hin. Meke ist genervt, flucht, wie ich ihn noch nie hab fluchen hören und will, dass ich bereits losfahre, damit wenigstens ich nicht die Tour verpasse (seine Worte! Er sah sich wohl schon vier Tage gemütlich zuhause hocken, während ich mich im Schotter abmühe. So nicht, mein Freund!) Während das Gefluche auch den letzten noch Schlafenden in einem Umkreis von ungefähr 200 Meter hat wecken müssen und nun bestimmt alle wissen, dass sich bei mir zeitweilig ein Zürcher tummelt, konnte es mit ein bisschen Verspätung doch noch für beide losgehen. Wir holen die Zeit aber wieder auf und sind sogar mehr als pünktlich um 8.45 Uhr an der Raststätte.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Alle da bis auf zwei der drei Tourguides, darunter Steffu, der Leiter der ganzen Expedition. Kurz vor neun ist er da, Erklärung für seine Fast-Verspätung: Hab in Bern den falschen Abzweiger auf der Autobahn erwischt und habs bei Mühleberg gemerkt… öööhm… und DER will uns bis nach Cunéo und von dort über kleine und kleinste Strässchen bis ans Meer und wieder ins Hotel bringen, wenn er sich bereits in seiner nächsten Nachbarschaft verfährt??? Ok, er fährt diese Strecke ja nicht zum ersten Mal (wobei Bern – Raststätte La Gruyère eben auch nicht!). Aber wo bleibt denn der liebe Onkel Chilli alias Marc? Meke ist schon wieder zu Sprüchen aufgelegt und meint, Chilli wäre sicherlich wieder umgekehrt, weil ihm sein Hinterteil bereits jetzt weh tun würde, weil er nicht mit LadyLime, sondern mit einer BMW X Challenge 650 unterwegs sein wird, im Prinzip auch so was Hinterteil-Unfreundliches wie unsere KTMs. Wir lassen uns jedoch belehren, dass Mösiöö das nicht etwa aussitzt wie wir, nein, er hat sich doch glatt ein Sitzkissen angeschafft, das im zwischen harter Bank und Hinterteil Luft verschafft. Ob da wohl einer alt wird? Na egal, Meke schiesst natürlich gleich Beweisfotos fürs Privatarchiv (oder so) und Chilli wird in die Schublade „Weichei/Softie/Warmduscher“ abgelegt.

Unpünktlich um 9.30 Uhr gehts los Richtung Süden, zuerst auf der Autobahn, dann über den Grossen St. Bernhard. Vor der Passhöhe wird noch einmal „billiges“ Schweizer Benzin getankt, dabei betrachte ich auch gleich das Malheur, das mir mit meiner Seitentasche passiert ist: Die hing so weit nach unten, dass sie während der Fahrt dauernd den Reifen berührte und nun hab ich ein Loch in der Tasche. Mist, dabei hatte ich das doch alles ausprobiert, jedenfalls in der Theorie in der Garage. Nun zurren wir das ganze etwas weiter oben fest und schon bleibt genügend Abstand zwischen Tasche und Reifen. Das war es also, weshalb Meke auf der Autobahn so aufgeregt herumgefuchtelt hat, ich dachte, irgendein Zurrgurt wär lose.

Überraschung auf dem Pass: Die ganze Motorrad-Karawane wird angehalten, weil so ein übereifriger junger italienischer Zöllner ID-Kontrolle durchführt. Na denn, Handschuhe ausziehen, Bauchtasche blindlings öffnen (man sieht mit dem Helm so schlecht auf das Ding runter), Identitätskarte hervorkramen. Der Zöllner geht durch die Reihen und „kontrolliert“: ID-Foto wird mit Fahrer verglichen, aber ohne, dass auch nur einer den Helm abnehmen müsste (!!!), ich beispielsweise trage den Endurohelm mit einer Neoprenmaske über Nase und Mund sowie die Endurobrille. Wieviel er da wohl erkennen kann? Wahrscheinlich soviel wie bei einer Muslime mit Ganzkörperverhüllung.  Egal, er scheint uns alle identifiziert zu haben und wir dürfen unsere Reise fortsetzen. Kurz nach der Passhöhe auf italienischer Seite dürfen wir bereits unsere erste Offroad-Erfahrung sammeln, weil die Strasse neu geteert wird und ein ganzes Stück momentan aufgerissen ist. Kurzer Mittagshalt in der Nähe von Aosta an einer Autobahnraststätte. Ich überlege mir noch, ob ich wohl nicht besser das Regenkombi montieren soll, weiter südlich siehts nach Regen aus. Steffu meint, das würde nicht regnen, ansonsten würden wir anhalten und das Teil anziehen. Kaum losgefahren, fallen schon die ersten Tropfen, irgendwann geht’s durch einen Tunnel und dahinter giesst es wie aus Kübeln. Die Blinker werden nach rechts gesetzt und auf dem Pannenstreifen angehalten. Ein Regenkombi in aller Eile bei strömendem Regen über Endurostiefel anzuziehen hat so seine Tücken. Ich bin jedenfalls nicht wirklich trocken geblieben. Macht nich- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -ts, ist ja nicht wirklich kalt und meine Enduroklamotten für die beiden Tage Offroad sind in der Tasche, die – jetzt fällts mir wieder ein – auch nicht wasserdicht ist. Was solls, das sieht mir eh nur nach einem Platzregen aus und so ist es dann auch: fünf Minuten später ist der Spuk vorbei.

Wir erreichen das Hotel am frühen Abend, das Apero ist wohlverdient (wir wissen da noch nicht, dass es am Samstag und Sonntag noch viel wohlverdienter sein wird!) Es gibt letzte Infos für die morgige Tour und ein feines Abendessen. Wie die meisten gehe auch ich früh schlafen, andere finden noch den Weg in eine Bar.

 



Offroad-Tag 1, Samstag 23.08.2008

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Um 7.15 Uhr klingelt der Wecker, Frühstück ist angesagt und packen für den Tag. Meke geht vor allen andern runter um schon mal seine Kati anzukicken und nach kurzer Zeit höre ich den Sound ihres Motors aus der Garage. Na toll, heute scheints kein Gefluche zu geben! Um 9 Uhr fahren wir los, ein kurzer Halt beim Supermarkt, da noch das Picknick und die Getränke für den heutigen Tag besorgt werden müssen. Endlich gehts hoch zum Übungsgelände! Die Teilnehmer der Gruppe 1 haben bereits alle Offroad-Erfahrung, deshalb fahren diese auch bald los auf ihre ersten Schotter-Kilometer. Wir andern Greenhorns üben unter der Aufsicht von Steffu und Marc und mit ihren Tipps die verschiedenen Arten und Möglichkeiten des Bremsens auf Schotter, wie man eine Steigung hinauffährt und wieder heil runterkommt, wenn mittendrin der Motor abstirbt, das normale Hochfahren und natürlich auch das Runterfahren. Klappt alles wunderbar! Irgendwas ist von letztem Jahr Offroadtraining doch noch hängengeblieben. Das Wetter ist perfekt, nicht zu heiss und nicht zu kalt und auch kein Regen in Sicht. Perfekt!

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Nun gehts richtig los: Mit genügend Abstand zum Vordermann meistern wir die ersten Kilometer. Sofern es die Situation zulässt, kann ich dich herrliche Landschaft um mich herum bewundern. Was für schöne Aussichten! Oft fahre ich um eine enge Kurve und es eröffnen sich neue Ausblicke auf Berge, die zum Greifen nah scheinen. Obwohl ich auch zuhause von Bergen umgeben bin, ist es doch ein anderes Gefühl, hier auf diese Weise unterwegs zu sein. Die Strecke ist gut fahrbar, einzig auf einer kurzen „Geröllhalden-Passage“ würge ich den Motor ab, weil ich das Spiel zwischen Gas und Kupplung nicht einwandfrei beherrsche und statt im ersten noch im zweiten Gang war. Nix passiert, die Maschine macht einen kleinen Hüpfer nach vorne, ich kann sie aber noch gut halten und so brauchts nur einen Druck auf den Mädchenknopf und die KTM findet ihren Weg über den Rest des Gerölls hinüber. Das Picknick am Mittag haben wir uns verdient!

Nachmittags gehts flott weiter; ich montiere meine Helmkamera und versuche, meine ersten bewegten Offroadbilder einzufangen. Nach einer Weile erreichen wir eine schmale, aber asphaltierte Strasse, die, je weiter wir talwärts fahren, breiter wird. Irgendwann führt uns die Strasse in zahlreichen Kurven, die nur durch Mini-Geraden miteinander verbunden sind, wieder hoch hinauf. Obwohl die Strasse sehr kurvig ist, lässt sich die KTM lässig in die Kurven schmeissen! Ich habe das Gefühl, auf der Strasse fährt es sich - es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -plötzlich viel einfacher. Was so eine Offroad-Tour nicht alles bewirkt! Nach dieser herrlichen Strecke befahren wir wieder Offroad-Zone. Diesmal wird uns eine längere Passage serviert, die treppenartig nach unten führt. Ich versuche, ein gutes Tempo zu finden. Nicht zu schnell, weil der Pfad doch ziemlich schmal ist und breite Fahrzeuge, die von unten her kommend herauffahren könnten, ein Kreuzen praktisch verunmöglichen. Zudem sind hier viele unübersichtliche Kurven, die ich vorsichtig anfahre und ich gebe erst beim Kurvenausgang respektive bei Sicht nach vorne wieder Gas. Zu langsam darf ich aber auch nicht fahren, da ich sonst jeden Schlag in meinen Handgelenken spüre. Irgendwann stimmt der Rhythmus, ich fühl mich gut – es macht Spass! Am Ende dieser Passage treffen wir wie schon beim Mittagessen wieder auf die erste Gruppe, die es sich – so scheint es mir – wohl schon seit längerem im Gras bequem gemacht hat. Auch ihnen sieht man an, dass es spassig war.

Zur Auswahl steht nun entweder die direkte Fahrt ins Hotel zurück oder nochmals eine Offroad-Piste über ca. 20 km, diesmal aber auf „gemässigten“ Feldwegen. Gekauft! Schliesslich wirds wieder dauern, bis ich in der Heimat sowas finde. Glücklich, zufrieden, müde und auch mit einem gewissen Stolz, den Tag unbeschadet an Mensch und Maschine hinter mich gebracht zu haben und dreckig wie man es eben nach einer Ausfahrt auf staubigen Strassen ist, geniesse ich das Apero, die anschliessende Dusche und das leckere Abendessen. Auch heute bleibe ich vernünftig und hebe mir den Barbesuch für Sonntagabend auf. Schliesslich weiss ich nicht, was meinem Körper morgen noch alles abverlangt wird und zuwenig Schlaf ist das letzte, was ich da noch gebrauchen könnte. Trotzdem ich erstaunt bin, wie gut ich mit meiner nicht vorhanden Kondition mithalten konnte, habe ich meinem Körper heute doch einiges abverlangt. Meine tägliche Büroarbeit ist irgendwie doch nicht das Gleiche wie das heute Erlebte und Geleistete.

Offroad-Tag 2, 24.08.2008

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar - Gemäss unsern Tourguides erwartet uns heute die härtere, anstrengender und anspruchsvollere Tour als gestern. Meke darf auf der Strasse eine 800er BMW fahren, ein Motorrad, mit dem er schon seit längerem liebäugelt und die, sollte bis dahin nichts neueres, schöneres auf dem Markt sein, wohl mal irgendwann die Nachfolgerin seiner V-Strom, werden könnte. Jedenfalls scheint ihm das Ding auch nach dieser kurzen Fahrt immer noch oder noch besser zu gefallen. Mal schauen, wir haben bereits Stunden über Pro und Kontra dieses Motorrads diskutiert. Nun aber darf er erst mal wieder auf seiner Kati Platz nehmen, die einem auf jedem Meter Fahrt mit ihren Vibrationen mitteilt, dass sie noch am Laufen ist. Ist doch auch nicht schlecht, oder? So verliert man zumindest sein Motorrad nie.



- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar - Nun, zurück zu unserer heutigen Tour: Wir fahren durch den Tenda-Tunnel hinüber auf die französische Seite, biegen aber gleich wieder nach rechts ab, wo wir uns auf einem Platz besammeln, bevor es dann in 48 Kehren hinauf zum Colle di Tenda, Col de Tende oder eben Tenda-Pass geht. Erst noch asphaltiert, dann aber bald schon auf unbefestigten Strassen, fahren wir die Serpentinen hoch. Die Kurven sind durchnummeriert und so weiss man, wie viele man bereits geschafft respektive noch vor sich hat. Nach einer Weile stellt sich eine gewisse Routine ein: runterschalten, Kurve anfahren, beschleunigen, hochschalten, runter- schalten… ich glaube zu wissen, wie viel das Motorrad verträgt, bevor es seitlich auszubrechen droht und die Fahrt hinauf macht Spass. Bald schon erreichen wir die Passhöhe und somit das Fort Centrale, eine Festung aus dem 19.Jahrhundert. Was für ein Ausblick! Das Fort scheint ein beliebtes Ausflugsziel zu sein, es sind doch einige Leute hier oben anzutreffen, von Wanderer über Mountainbiker zu Leuten in den verschiedensten Fahrzeugen, vom Kleinkind bis zur Oma, alle geniessen den herrlichen Tag. Eigentlich wollen wir nur eine kurze Rast einlegen. Tourguide Jürg musste jedoch mit einem Teilnehmer vor dem Aufstieg zum Tenda-Pass runter ins Dorf, weil das Lenkkopflager seiner BMW gelockert war und das passende Werkzeug fehlte. Nach einiger Zeit treffen die beiden wieder ein, das Gelächter ist gross, als sie erzählen, dass ihnen im erstbesten Laden – einem Blumenladen – geholfen werden konnte. Der Mann dort hatte eine Rohrzange, die sie auch benützen durften. Als sie jedoch fragten, wie viel das Teil kostet, wollte er nichts von einem Verkauf wissen. Auch dann noch nicht, als ihm Jürg 20 Euro unter die Nase hielt. Nach längerem Hin und Her willigte er doch ein, die wohlgemerkt bereits ältere Zange für 20 Euro herzugeben. Wir mutmassen nun, dass jener Herr seit diesem Sonntag keine Blumen, sondern nur noch Werkzeuge zu Wucherpreisen für liegengebliebene Enduristen verkauft… Stolz präsentiert der neue Besitzer der Zange das teuer erstandene Teil wie eine erlegte Jagdtrophäe! Unter anderem solche kleinen Storys am Rande machen Touren schlussendlich erst zu dem, was sie sind: Erlebnisse und Abenteuer, witzige Begebenheiten, von denen man noch lange erzählt. Das Gruppenfoto mit allen Teilnehmern ist schnell im Kasten und es zieht uns weiter Richtung Süden, sprich Ventimiglia, sprich Meer (wo zum Henker ist bloss Süden? Zum Glück ist Steffu dabei und der hat sich seit vor der Raststätte auch nicht mehr  verfahren… und wenn, hat er dies gekonnt vertuscht!)

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Der Verkehr auf den Schotterpisten ist deutlich dichter geworden, wir kreuzen viele andere Fahrzeuge. Wir fahren auf der andern Seite des Passes runter und machen vor einem Aufstieg Halt, damit alle Teilnehmer sowie hinterer Tourguide und Mechaniker aufschliessen können. Der Aufstieg sieht bei näherem Betrachten nicht ganz so einfach aus, loses Geröll in allen Grössen liegt auf Felsplatten, die ineinander geschoben sind. Zu meiner Linken ist die Bergseite, also gehts rechts den Abhang runter. Habe ich schon erwähnt, dass ich alles andere als schwindelfrei bin? Wie war das noch mal? Es gibt ein Ja oder ein Nein, kein Vielleicht… eine der Regeln, die uns Steffu am ersten Tag näherbrachte. Will heissen, entweder sage ich: „Ja, ich fahre hier rauf“ oder „Nein, ich lauf da hoch und jemand anders fährt mit meinem Motorrad rauf“ aber kein „Hm… naja… mal schauen… vielleicht… vielleicht… eventuell… unter Umständen… ene mene muh…“. So würde das eh nicht klappen. Klar, da rauf, das schaff ich! Ich bin etwa an vierter Stelle, lasse vor mir genügend Abstand, damit ich ohne zu nahem Auffahren nach oben komme und mein Tempo fahren kann. Die ersten paar Meter geht auch alles gut, ich lasse Käthi ihren Weg durch das steinige Gelände selber suchen, gebe nur die grobe Richtung vor. Jedoch komme ich nicht allzu weit, nach vielleicht hundert Metern spickts mich mitsamt Motorrad erst nach rechts – shit, Abgrund! – danach nach links; ich sollte kuppeln und in den ersten Gang schalten, weil ich im zweiten zu langsam bin, aber ich habe momentan genug damit zu tun, auf dem Motorrad zu bleiben. Nochmals macht die KTM einen Sprung nach rechts, ich würge den Motor ab, das gute Stück fällt hangabwärts – zum Glück immer noch auf dem Strässchen – einfach um und ich, halb fallend, halb vom Motorrad springend, purzle von der KTM runter und bin aber genauso schnell wieder auf den Beinen. Das war sicher das Adrenalin! Aus dem Augenwinkel sehe ich bereits Onkel Chilli zu Hilfe eilen, mit seinem Motorrad überholt er alle, die noch hinter mir sind. Er hat die Szene wohl die ganze Zeit von unten beobachtet und mir scheint, als sei er innert Sekunden bei mir. Das Motorrad wird aufgestellt, er beharrt darauf, dass ich jetzt erstmal tief durchatme, bevor ich wieder aufsteige und die holprige Fahrt – diesmal ohne weiteren Zwischenfall – fortsetze. Später erzählt er mir, es wäre das beste gewesen, was ich machen konnte, nämlich vom Motorrad runterzukommen, denn er hätte mich bereits mitsamt der Maschine im Tobel unten gesehen. Ich empfand es als halb so wild, trotzdem bin ich froh, dass weder mir noch der KTM was passiert ist. Wo raufgefahren wird, wird irgendwann wieder runtergefahren und so war es auch hier. Das Mittagspicknick ist der Lohn für diese Holperstrecke. Meke und ich packen unsere Cervelats aus, die wir aus der Schweiz mitgebracht haben. Dazu Senf und frisches Brot. Was gibt es fernab der Heimat Besseres als so eine feine Wurst.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Nach der Rast wird der Weg immer besser befahrbar, wir fahren durch dichte Wäldchen, der Boden ist mit rotem Staub – feinem Sand – bedeckt und nur die unübersichtlichen Kurven hindern uns daran, dauernd am Gas zu hängen. Erholung pur nach der voran- gegangenen Strecke! Nach kilometerlanger solcher Fahrt gibts erneut eine Verschnaufpause, nun ruft die letzte Passhöhe. Die Abfahrt auf der andern Seite beschert uns nochmals eine wunderschöne Passage, die durch kleine Jumps „aufgelockert“ wird. Nachdem ich auch hier zu meinem eigenen Rhythmus gefunden habe, ist es ein Spass, diese Route zu fahren. Hätte ich mehr Mut, würde ich versuchen, beide Räder bei so einem Jump in die Luft zu kriegen, jedoch lasse ich es für heute gut sein, meine letzten Erfahrungen im vergangenen Jahr mit Sprüngen endete mit schmerzenden Rippen. Aber auch das „Fast-Fliegen“ zaubert mir ein Grinsen ins Gesicht. Nach einigen Kilometern ist auch damit Schluss, ich erreiche die asphaltierte Strasse und dies bedeutet gleichzeitig das Ende unserer Offroad-Strecke. Die Freude darüber, die LGKS bezwungen zu haben, steht allen Teilnehmern riesengross und staubbedeckt ins Gesicht geschrieben. Rundum wird gratuliert und sich in die Arme gefallen, schön zu spüren, wie aus einer Gruppe Wildfremder in zwei Tagen Leute werden, die ein gemeinsames Erlebnis zusammenschweisst.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Unsere Reise ist jedoch noch nicht zu Ende, wollen wir doch noch nach Ventimiglia ans Meer. Keiner will auf diesen Spass verzichten, obwohl uns die Strasse nun nicht mehr offroad, sondern onroad noch weiter südwärts bringt. Also nochmals Motorräder gesattelt und die kurvenreiche Strecke unter die Räder genommen. Wie bereits gestern ist wieder dieses Gefühl der Leichtigkeit da. Meine Güte, das Teil lässt sich ja wie von selbst lenken! Kilometer um Kilometer nähern wir uns dem Meer, irgendwann trennt uns nur noch eine Häuserzeile vom kühlen Nass und bevor ich es sehe, rieche ich es bereits: die salzige Luft, die unverkennbar das Meer ankündigt. Geschafft! Ziel erreicht, das Mittelmeer liegt direkt vor unserer Nase! Raus aus den Enduroklamotten und rein ins erfrischende Nass. Eine Wohltat, sich den Dreck der Offroadpiste abzuwaschen und sich dem Gefühl hinzugeben, etwas Grossartiges erlebt zu haben.

Die Rückfahrt ins Hotel führt uns in rund 100 km wieder durch den Tendatunnel. Die Motorradfahrer, die uns überholen, lassen mich mehrmals den Kopf schütteln. Diese gefährden sich bei Überholmanövern zum Teil massiv. Schlimmer sind jedoch diejenigen Motorradfahrer, die uns entgegenkommen. Es gibt einige Situationen, bei denen der Kopf des entgegenkommenden Fahrers oder sogar Teile seines Oberkörpers und der Maschine auf meiner Spur sind. Dazu fällt mir nur etwas ein: lebensmüde Idioten, denen es auch egal zu sein scheint, andere mit ihrer Fahrweise zu verletzen oder zu töten. Jedenfalls fühle ich mich auf dieser Rückfahrt unwohler als auf der gröbsten Schotterpiste der vergangenen zwei Tage.

Den Abend lassen wir wie gewohnt beim Apero, einer herrlich wohltuenden Dusche, einem guten Abendessen und diesmal ungewöhnlich -  einem längerem Schlummertrunk ausklingen. Todmüde, aber zufrieden und glücklich über meine Leistung, sinke ich ins Bett. Es soll jedoch – so munkelt man am nächsten Tag beim Frühstück – den einen oder andern gegeben haben, der die Zu-Bett-geh-Zeit eineinhalb Stunden später angesetzt hat als wir. Aber davon erzählen wohl am ehesten die roten Augen eines hier nicht genannt werden wollenden Mitfahrers.

Heimfahrt, Montag 25.08.2008

Die Rückfahrt ist unspektakulär, der Wettergott meint es gut mit uns und wir bleiben alle trocken. Nach und nach verabschieden sich auf der Fahrt die einzelnen Teilnehmer, weil sie andere Strecken als die über die Raststätte La Gruyère für ihren Heimweg wählen. Ebendort setzen sich Meke und ich mit Steffu, Chilli und Börni, dem Mechaniker, noch auf einen Kaffee hin und schwärmen bereits wieder von einer nächsten Offroad-Tour, die die beiden Tourguides in Planung haben. Ich bin gespannt und bin nächstes Jahr sicher wieder dabei, wenn es heisst: Auf zur TransXYZ!

*diesen und noch viel mehr „filosofische“ Gedanken machte ich mir auf der Fahrt mit meiner KTM im Gelände; entstanden durch die Ermahnung von Steffu, der Lenker des Motorrads sei kein Halter, sondern eben ein Lenker, dem man aber nur die grobe Richtung vorgeben soll, den eigentlichen Weg würde das Motorrad schon von alleine finden. Gerade bei steilen Abfahrten war ich doch versucht, den Lenker doch wieder das sein zu lassen, was er ist: ein Lenker, mit dem man richtig lenkt. Denn wie will das Motorrad wissen, dass ich jetzt eine linke scharfe Haarnadelkurve fahren will und nicht geradeaus den Abhang runter, nur weil mein Motorrad ambitionierter ist als ich und das schaffen würde?