TRANS-LiGURiA 2007 - Bericht 2

24. - 27. August 2007
Ligurische Grenzkammstrasse – nicht nur eine Grenzstrasse
Mein Weg an meine eigenen Grenzen und darüber hinaus


Es schüttelt mich durch alle Knochen. Mit Mühe kann ich „Elli“, meine 650er Aprilia Pegaso, in meiner Spur halten, zumindest meine ich, dass es meine Spur ist. Doch diesmal ist alles anders. Loses Geröll, grosse und kleine Steine, spitze und runde Steine, sie liegen lose auf dem Weg oder ragen spitz aus ihm hervor. Die Maschine springt von einer Seite zur anderen, das Spiel mit Kupplung und dem dosierten Gashahn braucht Feingefühl und eine gehörige Portion Mut. Aber auch Mut, nicht in den Abgrund zu schauen, der immer wieder so plötzlich auf mich zu kommt, obwohl ich ihn doch meide wie die Pest und versuche, immer schön an der Bergseite zu fahren.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar - Vor mir ist Marc, in meinem Ohr ist Marc auch. Hinter mir kommen Ketsia mit ihrer BMW und Silvia, ebenfalls mit BMW. Wir drei Mädels fahren dicht zusammen, haben die gleichstarken Maschinen, haben alle drei Marc im Ohr und unterschiedliche Erfahrungen im „Kieselsteinschubsen“. „Gut so, jetzt etwas nach rechts, da ist es besser. Bleib am Gas, fahr auf Zug! Nicht nachlassen, bleib dran.“ „Achtung, Fussgänger rechtes.“ Was soviel heisst wie, dass wir nach links - zur offenen Seite - ausweichen müssen. Während ich mit dem Untergrund kämpfe, bemüht noch schnell ein Nicken zu den Fussgängern zu geben, sehe ich kurz aus den Augenwinkeln das lockere Winken von Ketsia. Beneidenswert – so unbedarft einfach draufloszuschottern. Doch mir bleibt keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Der Weg fordert meine ganze Konzentration, mein Fahrvermö-gen, mein Mut und eigentlich noch alles, von dem ich bis dahin nicht wusste, dass ich das habe und leisten kann. Die Einschläge der Steine, die gegen den Boden der Maschine scheppern sind deutlich zu hören, die Stossfedern werden im übermass beansprucht, die Stösse gehen durch meinen Körper und ich versuche, sie weich aufzufangen und auszugleichen. Ich werde von einer zur anderen Seite geschossen, versuche im Stehen die Maschine unter mir springen zu lassen und doch die Richtung nach vorne immer beizube-halten. Alles andere wäre..... Nicht drüber nachdenken! Ein Knistern im Ohr, ich verstehe nix. Was will uns Marc sagen? Mist, und schon bin ich an ihm vorbei und versuche diese Kehre auf groben Schotter sauber zu durchfahren. Irgendwo anhalten. „Ketsia ist umgefallen.“ Tönt es mit Nachdruck dann deutlich in meinem Ohr. Ok, hier, da kann ich anhalten und habe sicheren Stand. Ich stehe, habe beide Füsse auf dem Boden und kann die Maschine am Berg auf losem Untergrund halten. Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Ein Blick nach hinten zu Marc ist nicht möglich, ich hätte sofort meinen Halt verloren. Silvia muss auch irgendwo hinter mir sein, sie kann ich aus den Augenwinkeln sehen. Bei Ketsia ist Adi, gut, sie ist nicht alleine. Aber das warten, das warten... Dann endlich, fast gleichzeitig hör ich ihre Maschine wieder knattern und Marc’s Stimme im Ohr: „Und hopp, weiter geht’s!“ – und war auch schon wieder an mir vorbeigeflogen. Du meine Güte, was muss dieser Mann gut fahren können! Ungläubig schüttel ich den Kopf und kämpfe mit „Elli’s“ Handicap, dass sie zur Zeit nur im Leerlauf anspringen will, mit meinem eigenen wackligen Knie, welches in einer stützenden Orthese steckt und doch irgendwie mich und meine Maschine halten muss. Kupplung, Gas, Blick nach vorne, Silvia an mir vorbei, dann komm auch ich endlich wieder in Fahrt.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar - Nun wird Silvia von Marc durch die Steine geführt, Ketsia, ich und als Schlussmann Adi folgen. Die Strasse geht leicht bergab, uff, einmal aufatmen. Ein ganz kurzer Blick zur Seite – traumhaft schöne Landschaft, weit oberhalb der Baumgrenze, Sonne und die Schatten der Wolken, so friedlich, so schroff, so karg und doch so einzigartig. Ein Schlenker, ein Schüttler führen mich und meine Gedanken auf radikale Weise wieder zurück. Au weia, bloss den Weg nicht aus den Augen lassen! „Wo bisch? Wo bleibscht?“ tönt es in meinem Ohr. Ja doch, ich komme, wenn nur nicht die vielen Steinklötze vor mir wären. Ich jongliere meine „Elli“ ein ums andere Mal um Felsbrocken, lasse sie gerade aus ziehen, muss blitzschnell wieder ausgleichen, mein Gleichgewicht finden, nicht krampfhaft an den Griffen festhalten und immer schön ganz weit nach vorne schauen. Wir wechseln die Fahrposition, jeder war nun mal hinter Marc, zum Teil auch vor ihm, so dass er uns alle immer im Auge – und wir ihn im Ohr hatten.

Der Weg wird für mich immer schlimmer. Ich schwitze, habe Angst, will nicht mehr – doch es gibt nur eines: immer gerade aus weiter. „Rechts fahren – so ist gut. Jetzt leicht links, Achtung, grosser Felsbrocken. Pass auf!“ Mein Blick pendelt zwischen Marc vor mir, seiner gefahrenen Linie und dem Wegstück zwischen ihm und mir hin und her. „Am Gas bleiben, es geht bergauf, komm, es läuft von ganz alleine!“ Ja nee, ist klar. Bei dir bestimmt, ich schaffe hier grad Schwerstarbeit. Doch all die Gedanken fliegen mir nur so durch den Kopf, Zeit, um sie bewusst zu denken, habe ich nicht. Ich versuche 1 : 1 das umzusetzen, was Marc uns sagt und werde dabei immer wieder mächtig durchge-schüttelt. Die Kontrolle über die Maschine zu behalten, sie wirklich „in der Hand“ zu haben, ist ein Ding der Unmöglichkeit. „Lass sie einfach laufen und zeige ihr nur den Weg.“ (Na super, welcher Depp hat das noch gesagt? War bestimmt ein Kiesenstein-schubser der sich königlich darüber gefreut hat, dass er selbst die lustigen kleinen Din-ger hat fliegen lassen können... ) Wenn das mal so einfach wäre.

Mit einem Mal versetzt es die Maschine. Statt mehr oder weniger geradeaus unterwegs zu sein, schaue ich frontal in den Abgrund und immer noch auf Zug! Im nächsten Zug springt sie wieder zurück – ich weiss nicht wie. Plötzlich sind wir wieder in der richtigen Richtung unter-wegs, ich könnte kotzen. Mein Körper zittert, ich kann nicht mehr, die Knie werden schwach, alles schüttelt und rüttelt, Marc im Ohr gibt Anweisungen, doch ich höre ihn kaum noch. Lautes Rauschen in meinem Kopf, Herzklopfen bis zu den Ohren, Schweiss-ausbruch. „Elli“ und ich rumpeln irgendwie weiter, springen von Stein zu Stein, holpern über kleinere, mal rechts und mal links die schützende Felswand. Entsprechend zur an-deren Seite freier Fall garantiert. Wir sind oben, ganz oben auf der Ligurischen Grenz-kammstrasse.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar - In der nächsten Kurve warten die anderen. Doch ich sehe sie kaum. Bin zu beschäftigt, mich, meinen Körper, meine Angst, mein Motorrad und den mit kindskopfgrossen Steinen von Mutter Natur ausgestattete Weg zu meistern. Ich finde eine Lücke, eine Möglichkeit zum sicheren halten. Doch ich habe keine Kraft mehr, den Seitenständer herunter-zudrücken. Das macht Jürg für mich. Ich bin fix und fertig, halte mich an ihm fest und steige irgendwie von meiner Maschine. Erst dann realisiere ich, dass die vorausfahrende Gruppe sich gemütlich aufgebaut hat zum Fotoshooting. Na bravo – und genau in dem Moment erwischt es Kesia – und die Apparate klicken wie wild. Die Steine spritzen, der Staub wirbelt auf, Maschine am Boden – und Ketsia lachend neben ihr. Ihr sonniges Gemüt, ihre Herzlichkeit und bei jedem Sturz mit einem Lachen wieder aufzustehen, hat mir immer wieder Kraft gegeben.

Ich sitze auf der Mauer – eine grandiose Landschaft ist um mich herum. Doch noch bin ich zu sehr mit meinen inneren Ängsten und dem soeben erlebten beschäftigt, ich kann die Schönheit kaum wahrnehmen. Ich weine, schäme mich meiner Tränen und will nie wieder Motorrad fahren! Der Anblick in den Abgrund, wenn auch nur für einen so kurzen Moment, hat mir Angst gemacht. Urinnere Ängste kommen hoch, sind da und nehmen Besitz von mir. Was ich meinte, schon längst verarbeitet zu haben, ist auf einmal wieder zum Greifen nahe. Emotionen, Erinnerungen, Gefühle. Ketsia ist neben mir, wir lachen – überdreht, erleichtert und völlig gaga. Reto kommt, gross, breite Schultern und mit ei-ner Adventure unterwegs. Hier oben ein Schlachtschiff – und hatte gleiches erlebt. Das gab Mut. Es passiert nicht nur mir, auch anderen und erfahrenen Teilnehmern.

Stephan hat alles im Überblick, schätzt die Situation ein und weiss, dass ich allein durch muss. Marc ist da, die anderen, die Gruppe. Und weil es eine so nette und lockere Stim-mung ist, werde ich auch schon bald von ihr eingefangen und getragen. Komme zur Ruhe – wenn auch nur für kurze Zeit. Weiter geht’s. Nun denn, bis hierhin bin ich schon, dann komm ich auch noch weiter.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar - Ich fahre, bekomme zwischendurch sogar richtig Spass am Fahren, am holpern und kieselsteineschubsen. Und doch ist der Weg hart, jeder Meter müssen „Elli“ und ich uns erkämpfen, erfahren, schauen, wo wir lang können, welchen Weg ich wähle, das Gespür für die Steine entwickeln, mit dem Untergrund und seinem Eigenleben zurecht zu kom-men. Im Stehen fahren ist anstrengend, fühle mich manches mal unsicher, so dass ich mich schnell wieder in den Sattel setze – doch ich werde wieder hochgeworfen, es nützt nichts, ich muss stehen. Und tschüss!!!! So schnell konnte ich gar nicht schauen wie „Elli“ auf der Seite liegt, zum Glück an der Felswand an einer Grasnarbe angelehnt. Ich purzel in typischer Ellipurzler-Manier daneben. Na super! Wo ist noch der rote Aus-Knopf? Gedrückt – und warten. Die anderen höre und sehe ich, gemeinsam wird die Maschine wieder aufgerichtet – und mir das grosse 1 x 1 nochmals ganz deutlich gemacht. Ja doch – aber gleich alles auf einmal? „Möchtest du vorfahren oder soll ich?“ Marc, das ist mir jetzt so was von egal, ich muss da lang und basta. Ob ich das nun vor dir oder nach dir tun werde – pengegal! „Na, dann los!“ grinst er mich an – jawoll ja, das schaff ich, strahle ich zurück. Und komm gerade mal einen Meter weit. Super. Mühsam wie ein Eichhörn-chen suche ich mir meinen Weg, fahre immer weiter und weiter, merke, dass der Ab-stand nach hinten immer grösser wird, die Steinplatten vor mir ebenfalls, doch ich meistere sie. So bin ich gefahren und gefahren. Und ich habe Spass! Es läuft! An das ge-schüttel habe ich mich gewöhnt, an die verschiedenen Steinformationen und was einen so alles erwarten kann – auch. Dachte ich. Aber das erfuhr ich erst später, ein paar Kur-ven weiter. Die nächste gute Gelegenheit nutze ich zum anhalten. Super Aussicht, eine Landschaft, die man sonst nicht so schnell wieder sieht. Beeindruckend. Schnell ein Foto vom Weg gemacht, da komm ich bestimmt nie wieder lang. Woher denn den Mut dafür noch mal nehmen? Nun bin ich da, hätte es laut hinausrufen können! Ich schaff es – ganz bestimmt! Vor mir auf der Wegeskuppe taucht Daniel auf: alles ok? JA! Super, gute Fahrt – bis später! Doch kein Wort wurde gewechselt, es waren die Gesten, ein Nicken, ein Verständnis für den anderen. Wir sind eine Gruppe, ein Team, eine Einheit – bestehend aus vielen kleinen Einzelteilchen, und wir halten zusammen! Da, ein Motorengeräusch. Sie kommen. Mit Video halte ich den Ritt von Marc, Silvia, Ketsia und Adi fest – und ihre Staubwolken!

Wenn ich gewusst hätte, WAS mich alles auf dieser Strecke erwartet – ich hätte Bade-urlaub gebucht! Da man aber dort so schlecht mit dem Töff Kieselsteine schubsen kann, wäre ich wohl doch lieber mit auf die Ligurische gekommen.... Doch gut dass ich nicht wusste, wie lang diese 6 Kilometer sein können, wie elendig lange, wie anstrengend, wie kräftezehrend, wie grenzerfahrend, wie aufwühlend, wie beeindruckend und wie grandi-os! Es war eine Achterbahn der Gefühle und Emotionen. Die kurzen Pausen taten gut und waren – zumindest für mich – notwendig. Der Austausch mit den anderen, das Zusam-mengehörigkeitsgefühl, das Erlebte teilen zu können und doch mit sich selbst auszuma-chen.

Mittagspause. Endlich. Während ein paar Unersättliche jede Minute, jeden Hügel, jeden Weg und bestimmt auch jeden nur zu findenden Kieselstein genutzt haben, um durch die Gegend zu fräsen, haben wir anderen einfach Mittagspause gemacht. Schon mal in ein Sandwich mit Benzingeschmack gebissen? Weil ungläubig noch 2 mal einen Happen ge-nommen? Nein? Nun, ich brauche das auch nicht mehr. Allein die Erinnerung, meine Maschine auf dem Kopf im Graben liegend/stehend zu sehen, lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen. Es war am Tendepass, irgendwo in der Mitte, irgendwo in einer die-ser haarnadeligen Linkskurven auf Schotter und sehr losem Untergrund.

Am Anfang des Tendepasses ist die Strasse asphaltiert, oder war sie es zumindest recht lange. Die Spitzkehren machen ihrem Namen alle Ehre, aber mit etwas Gripp noch gut zu fahren. Die Flotten unter uns sind schon voraus gefahren, Schlusslichter sind wie so oft auf dieser Tour Adi, Ketsia und ich. Der Weg nach oben ist – im Nachhinein betrachtet – eigentlich wunderschön zu fahren, doch in dem Moment sehe ich Schotter, losen Untergrund, Spitzkehren, Wassergräben an der Innenseite der Kehren und PLÖTZLICH einen grossen Felsbrocken genau vor meinem Vorderrädle. Nein, der ist natürlich nicht plötzlich da, ich bin einfach blöd gefahren. Aus Respekt vor dem Ab-grund an der Kurvenaussenseite fahre ich in der Mitte, lenke ein, will um die Kurve – Felsbrocken! Ups, also schnell mal eben anhalten und schauen, wo ich dann weiterfahren kann, im Stehen passiert mir ja schliesslich nichts. RUMS!!!! So schnell kann ich gar nicht reagieren, wie meine Maschine nach links kopfüber in den ausgewaschenen Graben fällt. Ein Lob auf die vielen extra gekauften Protektoren, ausser 2 blauen Flecken am rechten Schienenbein beim Aufschlag auf die Grabenkante ist mir hierbei nichts pas-siert. Als ich unter meiner „Elli“ hervorkrabbel weiss ich nicht, was mehr weh tut, mein dussliges und eh schon kaputtes Knie mit Orthese oder die neuen blauen Flecken? Was müssen Steine auch so unverschämt hart sein??? Adi und Kestia sind sofort zur Stelle. Meine Maschine kopfüber im Graben liegen zu sehen, die Rädle in der Luft, es tut im Herzen weh! Wenn ich doch jetzt nur an die Fotoausrüstung käme. So was passiert ei-nem (hoffentlich) nicht wieder! Aber daran ist nicht zu denken, alles gut verpackt im Tankrucksack. Im Tankrucksack und die Maschine kopfüber – hoffentlich kommt das gut... Samt meinem Sandwich für das Mittagessen natürlich. Inner Tupperdose, damit es nicht verknautscht! Zumindest daran habe ich gedacht. Alles in Allem wurde nun vom auslaufenden Benzin zum einen gereinigt, zum andren verunreinigt. Sandwich mit Benzingeschmack ist jedenfalls nicht nachahmenswert.

Doch wie das Motorrad wieder rausbekommen? Adi, mit Verlaub, nicht gerade ein Herkules, Ketsia – ein kleiner Bergsturm würde sie locker über die Wipfel tragen und ich – mit DEN zitternden Knien und Hän-den? Wohl auch eher ungeeignet. Noch während wir um das Motorrad stehen kommt von unten ein grüner Jeep angefahren. Ein Kleiderschrank von einem Mann steigt aus, lächelt und noch ehe wir Mädels zweimal blinzeln, steht meine süsse „Elli“ wieder auf ihren Rä-dern. Richtig Nette Leute, die Franzosen.... Der nächste Baum muss für Adi herhalten, um den Lenker wieder in die richtige Spur zu bringen. In dem Moment kommt Tourguide Marc, um nach dem Rechten zu schauen. Clever, mein Lieber. So konntest du ruhig auf deiner Maschine sitzen bleiben Wink

Müde lege ich mich ins Gras, ein viertelstündchen einfach nichts machen. Den Benzingeschmack habe ich mit leckerem Camembert auf Roggenbrot vertrieben, nun etwas Kräfte für den Nachmittag tanken. Haben wir jetzt das schwer Stück geschafft? „Ja, so gut wie. Nur noch um die nächste Kurve, dann wird es schön.“ – Glaub niemals einem Tourguide, wenn er dabei ein spitzbübisches Lächeln in den Augen hat!!! Ja, es ging noch ein paar Kurven weiter, und immer wenn ich glaubte, ah, jetzt wird es einfach, da wurde ich nach der nächsten Kurve eines anderen belehrt. Und doch habe ich das Gefühl, dass mich jetzt so schnell nichts mehr aus dem Sattel haut. Durch die gute Vorbereitung am ersten Tag, den Übungshügeln und dem Training der einzelnen Manöver, der Wegstrecke und dessen Meisterung (!!) des ersten Tages sowie den Erfahrungen vom heutigen Tag liessen zwar noch lang keine Routine aufkommen, aber doch zwischendurch das Gefühl von: ah, diese Steine kenne ich, da weiss ich wie ich drüber muss. Das verlieh mir etwas Sicherheit. Doch sie war trügerisch.

Ich weiss gar nicht mehr wie, aber plötzlich versetzte es bei der Abfahrt auf einem minischmalen Weg mit der obligatorischen Felswand zur linken und dem Freifluggebiet zur rechten meine Maschine erneut, wir tanzten regelrecht auf den Steinkämmen von links nach rechts und wieder zurück, ein Zupf am Gas, ein Spiel mit der Kupplung, den Lenker in die Richtung nach vorne und irgendwie war das Geschoss gefangen und wieder in der Spur. Herzklopfen bis zum Hals, Knieschlottern, geschafft! Oh du meine Güte, Ketsia hinter mir, vielleicht hat sie alles mit angesehen, schnell die Hand nach oben: alles ok! Im Nachhinein realisierte ich, dass ich die recht Hand losgelassen hatte. Und wenn mein Tourguide das hier liesst weiss ich schon jetzt, dass er mir die Ohren lang ziehen wird, weil ich ÜBERHAUPT den Lenker – egal mit welcher Hand – losgelassen habe. Sorry, aber es war auch ein Freudenjubler, diese Situation gemeistert zu haben, es musste einfach raus...

Beim nächsten Blick über die Schulter, keine Ketsia. Etwas später warten. Immer noch kein Lückenschluss. Weiterfahrt bis zu den beiden vor mir Fahrenden, die werden ja hoffentlich auch irgendwo auf mich und die anderen warten. Gefunden – gemeinsames Warten. Wir stehen am Rand einer sandigen Linkskurve im spärlichen Schatten von Kiefern. Uns geht es gut, wir sind heile den Berg mit all seinen Schwierigkeiten runter gekommen. Ein Jeep zwängt sich vorbei – ein Münchner. Die sind auch überall zu finden! Dann ein knattern, ein puffern und rattern. Donnerwetter, da muss aber einer unserer Maschinen ziemlich viele Schrauben verloren haben – übrigens erstaunlich, was sich auf solch einer Tour alles wie von Geisterhand losschrauben kann... Aber weit gefehlt. Ein Töffli, ein alter Italiener und jede Menge Redeschwall. Im Ergebnis: dass ausnahmesweise unser Schlussmann Adi an seiner Maschine eine Reparatur hat und Ketsia gleich zwei mal äusserste Manöverkünste zum einen gegen einen Baum und zum anderen gegen die Felswand einzusetzen hatte – leider waren beide Gegner stärker gewesen. Aber Ketsia wäre nicht Ketsia, wenn sie uns nicht kurz drauf mit einem Lachen gefolgt wäre.

Die Ligurische zieht sich. Ich bin müde, kaputt, kann nicht mehr stehen und doch will ich fahren. Es geht durch ein Waldstück, die Piste ist eben, staubig und die Beschaffenheit so, dass man es wirklich fliegen lassen kann. So zieht mich Marc mit bis auf 50 km/h, die „Elli“ macht ihrem Namen als Pegaso alle Ehre. Beim nächsten Halt dann wieder Warten auf den hinteren Teil der Gruppe. Direkt nach Ketsia – wir Mädels nun vorn direkt hinter dem Guide – ist die Verbindung gerissen. Silvia hat es erwischt. Beim Spiel und Training mit schleifender Kupplung, Gas & Gleichgewicht ist sie mit dem Fuss aus versehen auf die Bremse gerutscht, ihre Maschine reagiert sofort und beide landen unglücklich im Dreck. Der Knöchel sieht mitgenommen aus, aber Silvia beisst tapfer die Zähne zusammen. Es geht irgendwie – und es geht für uns auch irgendwie weiter. Ich bewundere all jene, die immer noch mit einem breiten Grinsen auf ihren Maschinen stehen und für die die Tour noch ewig weitergehen könnte.

„Los, nicht abreissen lassen, dranne bliebe!“ Tönt es in dem Moment in meinem Ohr. „Komm, gut so, achtung Bodenwelle. Komm, zieh....“ Manno, ja doch, ich komme doch schon. Und so nehme ich die Bodenwellen wie sie grade kommen – allerdings ohne Flügel und ohne dass die Räder meiner Maschine den Boden verlassen. Beim Blick über die Schulter sehe ich im Augenwinkel wie Roland es fliegen lässt und mit jeder Bodenflugwelle seine Freude grösser wird. Ich sitze, ich kann nicht mehr. Meine Arme sind lang und länger, mein Knie – hab ich überhaupt noch eines? Die Knöchel melden sich zu Wort und die Fusssohlen mögen auch nicht mehr auf den schmalen Rasten stehen. Und hopp – die Bodenwellen gehen einfach nur im Stehen zu fahren. Und wie! Also wieder raus aus dem Sattel und sich fühlen wie früher im Reitsport.

Und während ich meinen Gedanken nachhänge knistert es in meinem Ohr „Und in der Kurve stehen bleiben!“ Der sieht aber auch alles!!!! Wie macht der das bloss??? Und ich muss schmunzeln. DAS zeichnet einen erfahrenen Tourguide aus, dass er seine Schäfchen kennt, dass er sie führen kann und weiss, was wann zu tun und zu lassen ist, wann man jemanden aufmuntern muss, Zuspruch geben, ihm den Weg zeigen und auch belehren muss. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Er hat seine Augen überall und ist immer zur Stelle, wenn man ihn braucht, sei es direkt von Auge zu Auge oder auch „nur“ durch den kleinen Mann im Ohr. Und so zog mich Marc die letzten Kilometer – und so trug mich die Gruppe die letzten Kilometer. Ohne diesen gemeinsamen Zusammenhalt wäre ich nicht heile angekommen.

So wie Marc uns und mich durch das Geröllfeld am ersten Tag gelotst hat, „schau mich an, schau nach vorne, schau verdammt noch mal!!! zu mir, denn ich stehe da wo du hin musst!!!!“ und mich damit aus dem Geröllfeld und weg von dem Abgrund gelotst hat, so haben er und Stephan uns alle wieder heile auf festen Untergrund gebracht. Das Zusammentreffen der beiden Gruppen empfand ich in dem Moment als Erleichterung. Allen geht es gut, sind mehr oder weniger fit und auch die Maschinen laufen noch alle, wenn auch manche kaputte Nasen, Schrammen & Macken, abgebrochene Blinker, verlorene Rücklichter oder sonstiges getaptes Band an sich haben. Ich möchte von meiner Maschine absteigen, doch ich kann es nicht. Ich habe keine Kraft in den Beinen, sie geben tatsächlich nach, ich bin fix und fertig, kämpfe gegen die Tränen und bin wütend, dass ich es nicht schaffe. Ob ich Notfalltropfen möchte? Ups, sehe ich so übel aus? Doch aus dem Reitsport weiss ich, diese kleinen Wundertröpfli helfen Ross & Reiter, also rein damit. Eine Dose Cola, etwas absitzen im Schatten an der Seite von lieben Mitkämpfern tun ihr übriges, und ich erhole mich zusehends. Und ich merke, sobald ich Asphalt unter meinen Füssen habe, geht es mir wieder gut.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar - „...nur noch eintauchen und mich tragen lassen...“ Der Weg zum Meer (Strand) ist – ich kann sie heute einfach nicht mehr sehen – übersäht mit Steinen. Runde diesmal. Aber eben – es sind und bleiben Steine in unmöglichen Grössen und müssen auch hier überwunden werden. Endlich eintauchen, abtauchen, davontauchen..... Salzwasser kribbelt auf meiner Haut, ich kann es kaum fassen! Ich bin im Mittelmeer! Mit jedem Schwimmzug den ich mache lasse ich einen geschotterten Kieselstein nach dem nächsten von meinen Schultern fallen. Ich kann los lassen, von den Erinnerungen, den Dämonen, den gefährli-chen Momenten und die schönen Erlebnisse gewinnen allmählich die Oberhand.

Die Fahrt zum Meer war ein Kinderspiel. Hatte ich noch zwei Wochen vor der Piemont-tour bei 100 km/h einen Platten im Hinterrad und kam mir bei 70 km/h mein Motorrad von hinten um die Ohren geflogen, so hatte ich auf dieser Kieselsteinschubserstrecke andere Eindrücke tief in mir aufnehmen können, welche das Trauma des schleudernden Motorrades überdeckt haben. So klebte ich förmlich am Hinterrädle des Tourguides, genoss die flüssigen Kurven, achtete auf meine Kurvenlinie und genoss einfach die schüttelfreie Fahrt. Ja, hier bin ich wieder in meinem Element: kleine Strassen, nette Kurven, grandiose Aussicht nebenbei geniessen können und eins mit meiner „Elli“.

Ich werde bestimmt wieder Schottern und Kieselsteine schubsen gehen. Auch mit dem Wissen, wieder an meine persönlichen Grenzen zu stossen. Aber mit dem sicheren Wis-sen, dass ich diese Grenzen in meinem Rahmen überschreiten und mich selbst wieder neu finden und wieder weiter entwickeln kann. Und ja, ich habe es geschafft! Ich bin die ligurische Grenzkammstrasse gefahren, habe den Tendepass erklommen und andere schöne und auch schwierige Schotterstrecken und Geröllfelder gemeistert. Ich habe es geschafft – und ich bin stolz auf mich!

Doch was ist ein Einzelsieg, wenn man nicht eine solch tolle Truppe im Rücken gehabt hätte – nichts! Denn nur gemeinsam sind wir stark und konnten die Schönheiten und die Widrigkeiten dieser Tour mit all ihren Höhen und Tiefen, all ihren Stürzen, Reparatu-ren, Pneuflicken, dem guten Rotwein am Abend, den stillen Momenten die jeder hatte und der Geselligkeit am Abend geniessen.

Danke an Marc & Stephan, die zwar meinen Geburi verschlafen aber mir trotzdem ein wunderschönes Geburtstagsgeschenk gemacht haben. Danke für Eure Geduld für mich und Euren allzeitigen Einsatz für uns alle!

Danke – bis zur nächsten Tour.... (vielleicht mit kleineren Kieselsteinchen?)
Christina